Theater-AG im Schuljahr 2009/10
Von Julia Hild
Keine von uns, nicht einmal ich, hätte gedacht, dass sie einmal auf einer Bühne stehen würde und sich für ihre ersten männlichen Regungen würde schämen müssen. Dass dies an meiner Schule, auf die ich schon seit neun Jahren gehe, passieren würde, und mir viele meiner Lehrer, meine Familie, mein Freund und meine Freunde dabei zuschauen würden, hätte ich erst recht nicht für möglich gehalten.
Aber es war so. Am 4., 5. und 6. Mai 2010 stand ich auf der Bühne und sinnierte als Moritz Stiefel in Frank Wedekinds „Frühlings Erwachen“ über Prüderie, Schuldkomplexe und Verdrängung. Seit der fünften Klasse nun spiele ich Theater an dieser Schule und werde auch das diesjährige dreizehnte Schuljahr nicht auslassen. Neun Jahre Theatererfahrung innerhalb und außerhalb der Schule und ich wäre ohne Frau Merk trotzdem aufgeschmissen gewesen, mich ernsthaft als Junge zu fühlen und peinlich berührt zu sein – von meinen ersten männlichen … nun, Sie wissen schon.
Stellen Sie sich vor, Sie sind auf einmal nicht mehr 18, sondern 14 und nicht mehr Frau, sondern Junge. Das ist eine enorme Umstellung, und zwar seelisch und körperlich.
Ohne Frau Merk hätten zehn junge Frauen nicht allein ein Stück über AUFKLÄRUNG spielen können. Diese junge, neue Lehrerin, die soviel Energie und Lebenslust in unseren, doch teilweise etwas tristen Schulalltag brachte und uns zeigte, was es heißt, Theater zu leben, diese Frau hat es hinbekommen, dass wir wie Jungs gehen, sprechen und verhalten. Und das so eindrucksvoll, dass selbst bei der inzwischen berühmt-berüchtigten ‚Onanierszene‘ niemand ein Problem damit hatte, dass da oben eine junge Frau steht und sich einen runter… oh, pardon – und onaniert.
Dabei hatte Frau Merk eine Lücke zu füllen, da wir ‚alten Hasen‘ unseren geliebten Herrn Herrmann unangefochten als die Nummer Eins betrachtet haben. Dennoch hat sie es geschafft, seinen Platz würdig zu vertreten. Ich denke, ich spreche für uns alle, wenn ich sage, dass wir es nie bereut haben, dieses Stück gewählt zu haben. Wir sind dankbar für den Mut, den Frau Merk aufgebracht hat, ein so anstößiges Stück als neue Lehrerin in ihrem ersten Schuljahr mit ihrer ersten Theater-AG zu spielen.
So, nun zum Stück, um das es bei diesem Artikel eigentlich gehen sollte. Verzeihen Sie mir, ich bin abgeschweift.
„Frühlings Erwachen“. Eine Kindertragödie von Frank Wedekind. Ich möchte hier nicht da komplette Stück nacherzählen und die Thematik und Symbolik des Stückes herausarbeiten und analysieren – eine Lieblingsbeschäftigung der Deutschlehrer hier an unserer Schule (Frau M. ist übrigens auch Deutschlehrerin). Ich möchte erzählen, wie dieses Stück für uns war und was es mit uns gemacht hat. Diejenigen, die das Stück gesehen haben, wissen, um was es geht, und die anderen sind selbst Schuld und haben etwas verpasst.
Wo soll ich nur anfangen?
„Deine Kinder sind nicht dein Besitz. Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst.“ Kahil Gibran.
Da waren wir nun. Zehn Töchter. Zehn Charaktere. Zehn Sehnsüchte. Aber die Sehnsüchte einer Achtzehnjährigen sehen anders aus, als die einer Sechzehnjährigen. Und so wagten wir uns mit teilweise unangenehmem Gefühl langsam an das Thema heran. Frühlings Erwachen – damit ist die aufbrechende Sexualität der Jugendlichen gemeint. Es geht um Fragen und Antworten oder keine Antworten. Um Schuldkomplexe und Besessenheit. Es geht darum, was richtig und was falsch ist und darum, was als richtig angesehen wird. Und so verhedderten wir uns immer mehr in Frank Wedekinds Netz aus Fragen, Nöten, Schuld, Tod und Leben. Jeder auf seine eigene Weise.
Alina Frank musste sich als vierzehnjähriger revolutionärer Aufklärer Melchior seinen Platz in der Welt und in der Gesellschaft suchen.
Carmen Merkle, der man wohl für besagte ‚Onanierszene‘ einen Preis für hervorragende Leistungen im Vortäuschen eines (männlichen) Orgasmus verleihen müsste, hatte auf ihre Weise zu kämpfen mit Heimlichkeit und Akzeptanz. Lena Raisdanai musste als Georg einen echten Macho spielen, eine Person, der sie im echten Leben wohl eher aus dem Weg gegangen wäre. Und als Herr Gabor musste sie sich noch einmal völlig verwandeln und sich mit elterlichem Versagen und Verdrängung auseinander setzen.
Vera Mayr stellte sich als Otto gegen den aufgeklärten Melchior und nahm auch die Suiziddrohung von Moritz Stiefel nicht ernst.
Linda Wursthorn musste als Robert den lässigen Gymnasiasten heraushängen lassen und war als Frau Bergmann nicht in der Lage, ihr eigenes Kind aufzuklären.
Katrin Trunzer musste als Thea das naive vierzehnjährige Mädchen spielen, für das es das Größte ist, sich vorzustellen, wie sie ihre Kinder einmal ganz in Rosa kleiden wird.
Auch Frederike Schmidt hat einen Spagat gemeistert, bei dem sie einerseits als aufgeklärte Mutter die Hoffnung und das Vertrauen in ihren Sohn aufgeben musste und andererseits als vermummter Herr die ironische Verkörperung des Lebens darzustellen hatte.
Sophia Strobel, die als Martha erfahren musste, was es heißt, von den eigenen Eltern misshandelt zu werden, zeigte als Dr. von Brausepulver, der aus einer Schwangerschaft die Bleichsucht macht, ihr komödiantisches Talent. Und zu guter Letzt Jana Michaelis, die als Wendla Bergmann aus Neugierde und Unwissen mit 14 schwanger wird und an der von ihrer hilflosen Mutter veranlassten illegalen Abtreibung stirbt.
Das alles haben wir durchlebt. Diese Achterbahnfahrt der Gefühle.
Und mir bleibt eigentlich nur zu sagen, dass ich stolz bin, ein Teil von all dem gewesen zu sein und dass ich mich sehr auf dieses Jahr in der Theater-AG freue.
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